«Hi. I’m Karin, I am doing an internship with the asylum project …»

Oha – da war ja noch jemand mit nach USA geflogen … spouse nennt man mich hier.
Nach zweieinhalb entspannten Monaten voller Ausschlafen und am See die Sonne geniessen, habe ich nun einen aufregenden Praktikumsplatz im Herzen Chicagos bekommen. Das heisst nun jeden Morgen auf den vollen Commuterzug mit aufgesprungen, den Conductor mit seinen furchtbaren Spruechen ignoriert (Have a good one! See you later aligator…, Ciao for now!), vom Strom der Menschenmassen ueber den Chicagoriver mitten in den Financial District tragen lassen, mehrmals Schlucken um den Druck aus den Ohren zu bekommen, waehrend der Expressaufzug einen in den 18. Stock eines in die Jahre gekommenen Hochhauses bringt. Und dann: bitte Platz nehmen im Cubicle (auf deutsch Kaninchenstall mit Stuhl und PC-Tisch, natuerlich fensterlos und schlecht beleuchtet). Aber so ist das halt bei einer NGO.
International Immigrant Justice Center, ein Teil der Heartland Alliance for Human Rights and Human Needs mit rund 900 Mitarbeitern ist eine der groessten Organisationen im Bereich Menschenrechte im mittleren Westen. Das NIJC betreut jaehrlich rund 100.000 Klienten im Bereich Immigration, Asyl, Menschenhandel, Gefangennahme durch die Homeland security, Gewalt gegen Frauen und unbegleitete Kinder in den USA. Die anderen Teile der Heartland Alliance kuemmern sich um Gesundheit, Essensversorgung und Obdachlosigkeit der Klienten.Ich darf nun im Bereich Asyl mitarbeiten, wobei ich die Asylanwaeltin und den Koordinator fuer die Interviews unterstuetze.
Der juristische Teil meiner Arbeit betrifft eines der spannendsten und umstrittensten Fragen des amerikanischen Asylrechts. Der republikanische Kongress hat eine Regelung geschaffen, durch die jeder Asylbewerber, der jemals eine terroristische Vereinigung unterstuetzt hat (welche jede ist, die gegen das innlaendische Gesetz verstoesst – weiter kann eine Definition nicht sein! Prima, dachten sich die Reps), vom Asylrecht ausgeschlossen ist. Egal ob du fuer eine Befreiungsbewegung in einem Terrorregime (auch oft von den Amis selbst unterstuetzt) ein paar Rupien gespendet hast (s. Afghanistan) oder du musstest unter vorgehaltener Waffe in deinem Farmhaus fuer Rebellen Essen kochen oder Waesche waschen – Asyl abgelehnt. Das sind keine theoretischen Faelle, tausende Antraege wurden abgelehnt und der Kongress wehrt sich, diese legislatorische Totalpleite zu beheben. Denn lieber ein paar Asylbewerber abschieben, als nur einen einzigen Terroristen ins Land lassen. So die Logik der Richter und Kongressmitglieder – unvorstellbar fuer einen deutschen Juristen, wie stuemperhaft hier ein Gesetz verfasst wurde.
Der andere Teil meiner Aufgaben befasst Interviews mit den Asylbewerbern selbst und die darauffolgenden Laenderstudien. Man kann schwer in Worte fassen, wie es ist die Geschichte von Menschen, die Folter und Verfolgung erlebt haben und diese befuerchten, detailliert durch zu gehen. Morgens liest du bei tagesschau.de, dass sich jeder vierte in Deutschland eine Einheitspartei wuenscht – und nachmittags interviewst du einen Mann der mehrmals fast zu Tode gepruegelt wurde, weil er fuer die Demokratie in seinem Land kaempft und freie, gleiche Wahlen mit seiner Oppositionspartei zu erlangen versucht. Beim Lesen der Laenderberichte wird dir klar, dass die zwei Stunden Interview gar nur einen Bruchteil von den grausamen Machenschaften in diesem Land widerspiegelten. In aller Hilflosigkeit,die einen in solchen Momenten ueberrollt wird mir schnell bewusst, welch wertvolle Arbeit von den Anwaelten geleistet wird. Ein Asylbewerber mit anwaltlicher Vertretung hat eine sechsmal hoehere Chance auf Zusage eines Asylstatusses. Wegweisung fuer den Sinn des eigenen beruflichen Vorangehens und eine immense Horizonterweiterung sind fuer mich also garantiert.
Und die eine Frage, die bleibt: Werden wir je begreifen, welch immenses Privileg es ist, in Deutschland geboren zu sein?